„Kurze Wege, flache Hierarchien, regelmäßiger Austausch“

Warum „Spurwechsel“ für junge Wohnungslose ein bundesweites Leuchtturm-Projekt des IB ist


Jörg Müller vom Projekt "Spurwechsel" des IB Südwest, das sich an junge Wohungslose richtet. Foto: privat

Jörg Müller, 52, ist der Leiter der Kinder- und Jugendhilfe / Soziale Arbeit (Rhein-Mosel) beim IB – ein Urgestein der sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und seit gefühlten Ewigkeiten beim IB. Für dieses Interview erreichen wir ihn an einem Nordseestrand in Holland, wo er kurzfristig für eine erkrankte Kollegin bei einer sozialpädagogischen Intensivmaßnahme einer Tagesgruppe eingesprungen ist.

Herr Müller, das Spurwechsel-Projekt in Koblenz, das Sie leiten, gilt bundesweit als Leuchtturm. Es bietet jungen Menschen zwischen 18 und 25, die wohnungslos sind, die Chance, wieder in die Spur zu kommen. Warum rufen bei Ihnen Fachleute aus ganz Deutschland an, die wissen wollen, wie Sie das geschafft haben?

Was das Projekt in Koblenz wohl tatsächlich einzigartig macht, ist die enge Kooperation zwischen der Jugend(berufs)hilfe und dem Jobcenter. Normalerweise sind das ja zwei Systeme, die sich nicht näherkommen. Bei uns aber flutscht die Zusammenarbeit, weil alle völlig unbürokratisch denken und handeln. 

Unter welchen Voraussetzungen können junge Leute zu Ihnen kommen? 

Wir haben Platz in zwei Wohngemeinschaften für sechs junge Leute. Aber wir sind keine klassische Wohnungslosen-Unterkunft. Wer hier bei uns landet, hat ein paar hohe Hürden genommen, um bei uns aufgenommen zu werden. Sie müssen zum Beispiel selber den Kontakt zu uns suchen und uns glaubhaft versichern, dass sie es ernst meinen mit dem Wunsch, aus der alten Spur zu kommen und neue Wege zu gehen – entweder mit dem Schulbesuch, der Ausbildung oder einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit.

Das ist ja schon für manch andere Jugendliche mit besseren Startvoraussetzungen ins Leben nicht ganz einfach. Wie gelingt das bei Ihren jungen Erwachsenen?

Natürlich gelingt nicht immer, was sie sich oder auch was wir uns vorgenommen haben. Aber uns ist immer bewusst, dass bei uns junge Menschen leben und wohnen, die sehr oft keinerlei familiäres Umfeld mehr haben, das sie bei Krisen auffängt, und wo sie immer ein Zimmer im Haus ihrer Eltern haben, egal, wieviel Mist sie bauen. Unsere Klientel – das sind Jugendliche und junge Erwachsene, die nicht greifbar sind, die schwer bei der Stange zu halten sind, weil sie so viele Beziehungsabbrüche erlebt haben, die Systemsprenger sind. Da kommen natürlich Abbrüche vor, bei uns herrscht eine recht hohe Fluktuation. Aber wer es bei uns schafft, hat eine große Chance, die Kurve zu kriegen und ein stabileres Leben leben zu können – beruflich, sozial, psychisch.

Wie gelingt Ihnen das?

Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstmal haben wir großartige Mitarbeiterinnen in diesem Arbeitsfeld, die tolle Beziehungsarbeit leisten! Und Jugendberufshelfer*innen beim Jobcenter, die mitdenken, sehr flexibel sind und in der Schnittstelle zwischen Jugendamt und Jobcenter agieren. Wir haben kurze Wege, flache Hierarchien, regelmäßigen Austausch, und einen direkten Draht zueinander. Das heißt auch: keine ellenlangen bürokratischen Prozeduren, keine endlosen Anträge und Wege, um zu einer Entscheidung zu kommen.  Und auch kein Kompetenzgerangel. Bei uns besteht ein sehr enger Kontakt zwischen Jugendberufshilfe, Jobcenter und den Betreuern*innen des Projekts.

Das heißt: Die beiden Hilfesysteme, Kinder- und Jugendhilfe auf der einen, Jobcenter auf der anderen Seite, sind vorbildlich miteinander verzahnt?

Genau. Wie ungewöhnlich das ist, erfahren wir immer wieder auf Fachveranstaltungen wie dem Kinder- und Jugendhilfetag und der Jahrestagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Dort hören wir oft: „Das hätten wir auch gerne bei uns! Aber es klappt nicht!“

Warum wird Ihr Projekt, wenn es so gut läuft, nicht viel stärker kopiert?

Vielleicht weil die Kostenträger nicht zueinander finden. Oder weil Jugendhilfe und Jobcenter die Notwendigkeit nicht sehen, oder weil sie keine Gelder dafür in die Hand nehmen wollen. In Koblenz liegt es ja an der individuellen Konstellation und den konkreten Menschen, die diese gute Kooperation zum Wohl der jungen Leute möglich machen. Das ist also eher „zufällig“.

Das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Gibt es auch Schwierigkeiten, mit denen Sie zu kämpfen haben?

O ja! Der Wohnungsmarkt ist ein sehr großes Thema. Denn unsere jungen Erwachsenen konkurrieren ja, wenn sie unsere Wohngemeinschaften verlassen, mit allen anderen um eine angemessene Wohnung – mit dem Studenten, der aus dem Elternhaus auszieht, mit der Familie mit den beiden gutverdienenden Eltern, mit dem betuchten Senior. Dass es für sie also sehr schwer ist, eine Wohnung zu finden, ist klar. Deshalb stellen wir bei uns im Projekt die Weichen sehr früh und beginnen zeitig mit der Wohnungssuche.

Was müsste geschehen, damit es bundesweit mehr „Spurwechsel“ wie in Koblenz gibt?

Die Kooperation zwischen den beiden Hilfesystemen müsste viel besser werden. Das neue Kinderstärkengesetz (Kinder- und Jugendstärkungsgesetz - KJSG), das im Juni dieses Jahres in Kraft getreten ist, soll das angeblich befördern. Aber ob das wirklich geschieht, wissen wir nicht. Dazu ist es noch zu neu. Aber wir hoffen, dass es zu „mehr Koblenz“ in Deutschland führt.

Das Projekt „Spurwechsel“ ist ein Angebot der Kinder- und Jugendhilfe des IB und richtet sich an junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren, die in gefährdeten Wohnsituationen leben. Dazu zählen Jugendliche, die obdachlos sind, von Obdachlosigkeit bedroht sind oder keinen festen Wohnsitz haben und bei Freunden übernachten und die Gefahr laufen, sozial ganz isoliert zu werden. Die pädagogische Betreuung erfolgt in enger Kooperation mit der Jugendberufshilfe der Stadt Koblenz und des Fallmanagements des Jobcenter Koblenz. Voraussetzung, in eine der Wohngemeinschaft aufgenommen zu werden, ist die Bereitschaft, intensiv und aktiv mitzuarbeiten. Begleitet wird das Vorhaben von einer Aufnahme- und Steuerungsgruppe, die sich kontinuierlich austauscht, zentrale Fragen klärt und gemeinsam auf die jeweilige persönliche Entwicklung der jungen Erwachsenen schaut.

Ansprechpartner: Jörg Müller, Leitung Kinder- und Jugendhilfe / Soziale Arbeit (Rhein-Mosel), IB Südwest gGmbH, Tel. Standort Cochem: (02671) 605393 – 12, Tel. Standort Koblenz:  (0261) 98357 - 19


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