„Unter dem Deckmäntelchen der Inklusion wird knallhart gespart“

Interview mit Claudia Dettenrieder und Marina Sliwinski, Expertinnen für Inklusion beim Internationalen Bund (IB)


Marina Sliwinski (links) und Claudia Dettenrieder vom Internationalen Bund (IB) fordern mehr Inklusion für Menschen mit Behinderungen. Fotos: Privat

Auf dem Papier gibt es Inklusion bereits – also das selbstverständliche Eingebundensein von Menschen mit Behinderung in das politische, soziale und ökonomische Leben hierzulande. Aber tatsächlich ist Inklusion noch längst nicht Alltag. Was sind die größten Hürden auf dem Weg zu einer wirklich inklusiven, diversen Gesellschaft?

Claudia Dettenrieder: Eine der vielleicht größten Hürden ist immateriell – nämlich das fehlende Bewusstsein dafür, wo in unserer Gesellschaft überall Barrieren existieren, die das Leben für Menschen mit Behinderungen so erschweren. Wir müssen Inklusion endlich mit Leben füllen. Denn Barrieren – das sind ja nicht nur fehlende Aufzüge für Rollstuhlfahrer*innen. Barrieren sind auch die Dinge, die Menschen ohne Behinderung nicht auf den ersten Blick wahrnehmen Dies sind beispielsweise Formulare, die nicht in leichter Sprache formuliert sind oder fehlende Piktogramme. Es gibt aber auch seelische oder psychische Beeinträchtigungen, Ängste, Depressionen, die man nicht auf den ersten Blick wahrnimmt. Für Menschen, die damit leben, existieren nach wie vor sehr hohe Barrieren, die sie daran hindern, am Leben der Gesellschaft teilzuhaben.

Was halten Sie für essenziell, damit Inklusion gelingt und nicht zu einer Mogelpackung wird?

Marina Sliwinski: Einerseits gilt es, diese oft unsichtbaren Barrieren zu erkennen. Aber das Kernstück der Inklusion ist für mich das Wunsch- und Wahlrecht, das für Menschen mit Behinderung uneingeschränkt gelten sollte. In der Realität sieht das jedoch anders aus. Werden sie arbeitslos, bleiben sie dies in der Regel erheblich viel länger als Menschen ohne Behinderung. Tatsächlich sind Behinderungen so individuell wie die Menschen, die sie haben – und deshalb müssten auch die Angebote zur Integration in das Arbeitsleben so variabel sein, wie die Menschen, die sie nutzen. Wir müssen weg von dem Ansatz, für Menschen mit Behinderungen eine Art `Angebot von der Stange´ zu machen.

[Alle Einrichtungen des IB für Menschen mit Behinderungen sind hier zu finden.]

Was bedeutet das konkret – Wunsch- und Wahlrecht?

Marina Sliwinski: Das bedeutet konkret das Recht, sich Arbeit und Arbeitsstätte, Wohnung und Wohnort, Freizeit und Hobbies frei und selbst wählen zu können, wie jeder andere Mensch auch. Das Recht existiert zwar theoretisch per Gesetz, in der Praxis ist hier aber noch viel Luft nach oben. Was fehlt, sind der Wille der Kostenträger, das Wissen, die Erfahrung und die Bereitschaft der ganzen Gesellschaft, alles Mögliche dafür zu tun, um dieses Recht auch zu verwirklichen: In den Schulen, am Arbeitsplatz, in den Vereinen, in der Freizeit.

Claudia Dettenrieder: Es gibt bereits viele gute Ansätze bei der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes, zum Beispiel bei der personenzentrierten individuellen Teilhabeplanung. Aber de facto ist das viel zu bürokratisch geregelt – mit seitenlangen Antragsformularen, die online am PC ausgefüllt und nach standardisierten Kennzahlen sortiert werden müssen. Was wir brauchen, ist eine gemeinsame Planung aller Beteiligten, welche die individuellen Bedarfe mit den vorhandenen Fördermöglichkeiten sinnvoll zusammenführt und dies, ohne Sparzwängen unterlegen zu sein.

Mit anderen Worten: Inklusion scheitert in unserem reichen Land also an den Finanzen?

Claudia Dettenrieder: Ja. Das kann man an der vermeintlich inklusiven Ausrichtung von Schulen beobachten. Wenn Förderschulen abgeschafft werden, aber gleichzeitig in den Regelschulen keine zusätzlichen pädagogischen und personellen Ressourcen aufgebaut werden, ist dies keine Inklusion. Hier wird einfach unter dem Deckmäntelchen der Inklusion knallhart gespart – auf Kosten aller Schüler*innen.

Marina Sliwinski: Und am Arbeitsmarkt kommt die Inklusion auch deshalb nicht wirklich voran, weil viele Arbeitgeber*innen gar nicht wissen, wie viel Unterstützung sie selbst erhalten können, wenn sie einen Menschen mit Behinderung einstellen. Stattdessen zahlen sie lieber die Ausgleichsabgabe. Hier muss noch viel mehr darüber aufgeklärt werden, was für Unternehmen möglich ist, um Inklusion im Arbeitsleben voranzubringen – und gerade das ist ja ein Teil des Lebens, wo gesellschaftliche Teilhabe besonders zum Tragen kommt. Menschen mit Behinderung brauchen besseren Zugang zum ersten Arbeitsmarkt. Ich will nicht falsch verstanden werden: Werkstätten für Menschen mit Behinderungen sind ein sehr gutes Angebot – es muss aber auch weitere Optionen geben. Auch die Unternehmen müssen ihren Beitrag dazu leisten, dass alle Menschen gleichberechtigt am Arbeitsleben teilhaben können.

Ihnen beiden liegt am Herzen, dass die Gesellschaft sich der unsichtbaren Barrieren bewusst ist, die Menschen mit Behinderungen einschränken. Wo können wir, wenn wir nicht direkt betroffen sind, die Sensibilität dafür entwickeln?

Marina Sliwinski: Um ein Gespür dafür zu bekommen, was Beeinträchtigungen sein können, die Menschen mit Einschränkungen Tag für Tag erleben, muss es erst einmal die Chance zur Begegnung geben. Neben Schule und Vereinen ist es vor allem der Arbeitsplatz, der die größte Chance auf Inklusion bietet. Die meisten Menschen machen sich nicht klar, dass der Großteil der Behinderung nicht etwa angeboren ist, sondern durch eine Krankheit oder einen Unfall entsteht – und im Laufe eines Lebens also jeden treffen könnte. Wir müssen grundsätzlich lernen, inklusiver zu denken.


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